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Yom Kippur

9. OKTOBER

10. TISCHREI 5780

Am 6. Oktober 1965 sorgte der Pitcher (Werfer) der Los Angeles Dodgers, Sandy Koufax, für einen handfesten Skandal: Er weigerte sich zu einem wichtigen Baseball-Spiel anzutreten, weil es an Jom Kippur stattfand. Da der Star-Sportler bekannterweise säkular lebte, konnten viele seine Entscheidung, bei einem so wichtigen sportlichen Ereignis auszusetzen, nicht nachvollziehen.

 

Die Einstellung von Koufax spiegelt jene vieler Juden wider. Die meisten sonst spärlich besuchten Synagogen sind zu Jom Kippur zum Bersten voll. Selbst jene die grundsätzlich mit ihrer Religion wenig am Hut haben, verzichten von einem Sonnenuntergang bis zum nächsten darauf zu essen oder zu trinken, und legen ihre Arbeit nieder. Es ist der einzige Tag im Jahr, an welchem in Israel das öffentliche Leben zum Stillstand kommt. Alle Geschäfte bleiben geschlossen, Radio und Fernsehen, öffentliche Verkehrsmittel, sogar Flughäfen stellen den Betrieb ein. Die Straßen sind so leer, dass Kinder mitten auf der Autobahn Fahrrad fahren. Was also zeichnet gerade diesen Feiertag aus?

Jom Kippur ist der höchste und heiligste Tag im jüdischen Kalender, der Tag der Reue und Versöhnung. Die talmudische Vorstellung ist, dass wir alle zu Beginn eines jeden Jahres in eines von drei Büchern eingetragen werden: Jenes der Gerechten, der Boshaften oder der Übrigen. Zu Jom Kippur wird das Schicksal letzterer besiegelt. Man versucht daher an diesem Tag mit sich selbst, seinen Mitmenschen und dem Allmächtigen ins Reine zu kommen, und über sich selbst hinauszuwachsen. Es ist üblich in den zehn Tagen zwischen Rosch Haschana (dem Neujahrsfest) und Jom Kippur, jede Person die man geschädigt haben könnte, aufrichtig um Vergebung zu bitten. Manche nehmen das mit Humor, gelegentlich bekommt man eine SMS mit Texten wie „Du brauchst mich nicht um Vergebung zu bitten! Alle deine Entgleisungen sind verziehen, und auch ich entschuldige mich (obwohl es nichts gibt wofür ich mich zu entschuldigen bräuchte).“

Einer der wichtigsten jüdischen Gelehrten, Rambam (auch bekannt als Maimonides), meinte, es werden zu Jom Kippur alle guten Taten eines Menschen gegen seine Untaten aufgewogen. Eine seit Jahrhunderten überlieferte Anekdote erzählt von einem angesehenen Rabbiner, welcher mitten im tiefsten Jom Kippur-Gebet seinen Talis (Gebetsschal) ablegte, und die Synagoge verließ. Nach stundenlanger Suche entdeckten ihn seine Anhänger in einem Wald am Stadtrand beim Holzhacken um Feuer zu machen, und einer nichtjüdischen Frau und ihrem kranken Kind Suppe zu kochen. Das verwunderte seine Anhänger, da hacken und kochen als Arbeit gelten, und an diesem Tag streng verboten sind. Der Rebbe versicherte, es sei eine notwendige Mitzwe (Wohltat) gewesen, und der Bruch des Arbeitsverbots erforderlich um ein Leben zu retten. Das Ablegen des Talis unterstreicht, dass man seine eigene Welt, wie heilig diese auch sein mag, verlassen muss, um in jene eines Anderen, dem man helfen möchte, einzutreten.

Jom Kippur selbst geht auf das Jahr 2448 (1313 vor unserer Zeitrechnung) zurück, als Moses vom Berg Sinai hinabstieg, und das Volk Israel Buße für die Anbetung des goldenen Kalbs (einer verbotenen Götzenanbetung) in seiner Abwesenheit tat. Die G’ttesdienste im Beit Hamikdasch (dem heiligen Tempel) in Jerusalem waren einst der Höhepunkt des religiösen Jahres. Seit dessen Zerstörung wird zu Jom Kippur im Gebet an diese Zeit erinnert. Der ganztägige G‘ttesdienst beginnt mit dem Kol Nidrei, einer Schwurabgabe, und endet mit der Neilah, dem Schließen der himmlischen Tore. Im Anschluss an das Blasen des Schofars (das jüdische Horn), wir das Schema gesagt („Höre Israel, G’tt ist unser Herr, G’tt ist einer!“), und verkündet: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“. Es ist eine Wiener Tradition das Fasten mit Leikach, einem Honigkuchen, der das Jahr versüßen soll, zu brechen. Noch bevor die Gemeinde die Synagoge verlässt um mit der Familie das traditionelle Festmahl einzunehmen, wird innerhalb von gefühlten Nanosekunden aus jedem Eck und Winkel Leikach hervorgezaubert.

 

Tipp: Zu Jom Kippur grüßt man sich mit „Gmar Chatimah Tova“, was so viel bedeutet wie „Möge Deine Eintragung im Buch des Lebens besiegelt werden“. Viele sagen auch einfach „leichtes Fasten!“. Der übliche Gruß für Feiertage lautet „Chag Sameach“, was so viel bedeutet wie „fröhlicher Feiertag“. In Wien, wie in vielen anderen Gemeinden Europas pflegt man meistens aber das jiddische „Git Yomtev“ zu sagen. „Yomtev“ kommt aus dem hebräischen „Yom Tov“ (guter Tag). „Git Yomtev“ heißt genau genommen also, „einen guten, guten Tag“.

JöH, MM