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Pessach

20. APRIL

15. NISSAN 5779

Fragt man eine Person jüdischen Glaubens ob sie einen befreiten Sklaven kenne, könnte es passieren, dass einem geantwortet wird: „Ja, steht vor dir!“.

 

Auf Nachfrage heißt es vielleicht, die Person sei Sklave unter einem Pharao in Ägypten gewesen, und habe Pyramiden gebaut. Das kann für Verwunderung sorgen, denn so neu sehen die Pyramiden nicht aus, und Pharaonen werden heutzutage üblicherweise nur noch in Mumienform angetroffen.

Pessach ist jener jüdische Feiertag, an dem die Geschichte der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei erzählt wird. Sie spielt im antiken Ägypten im Jahre 1313 vor unserer Zeitrechnung, und dreht sich um Moses, einen Adoptivsohn des Pharaos. Als Moses erfährt, dass er selbst den Hebräern angehört, einem seit Generationen in Ägypten unter grausamen Umständen versklavten Volk, lehnt er sich gegen den Pharao auf und überbringt G’ttes Botschaft: „Lass mein Volk ziehen!“. Pharao jedoch weigert sich, und hält an seinen Sklaven während immer schlimmerer g’ttgesandter Plagen fest. Als schließlich mit der zehnten Plage jeder erstgeborene Sohn der Unterdrücker, und auch jener des Pharaos sterben muss, wird den Sklaven die Flucht gestattet.

Der Exodus ist ein Schlüsselereignis der jüdischen Geschichte. G’tt sieht die Not des Volkes, befreit es, und offenbart sich anschließend Moses am Berg Sinai. Dort wird das Volk außerwählt, einen besonderen Bund mit G’tt zu schließen und beginnt seinen Aufbruch in das gelobte Land. Der Auszug aus Ägypten leitet mit dem Geschenk der Thora die eigentliche Geburtsstunde des Judentums ein. Zu Pessach erinnert man sich an den Bestand des Bundes, durch alle Generationen der Unterdrückung hindurch.

Das achttägige Fest beginnt mit zwei ausgiebigen Mahlzeiten, der Pessach-Seder. Durch diese langen Abende, die oft bis zum Morgengrauen andauern, wird unter Anleitung eines besonderen Buches, der Pessach-Haggadah anhand zahlreicher Anekdoten, Symbole und Lieder der Auszug berichtet. Während der Seder, und über die gesamte Dauer von Pessach, isst man Mazzah, ungesäuertes, flaches Brot. Es soll an die Hast der Flucht erinnern, die kein Abwarten für aufgehendes Brot erlaubte. Zu Pessach ist jede Form von Weizen und ähnlichen Erzeugnissen streng verboten, der Haushalt wird zuvor im Rahmen eines „Pessach-Putz“ penibel davon gereinigt. Zu den weiteren Symbolen der Seder gehört etwa Salzwasser, in Erinnerung an die Tränen unserer Ahnen oder Charroset, eine Art Apfelmus der an den Mörtel erinnert mit dem wir Pyramiden bauten. Gegessen wird auch Kren in Erinnerung an die bittere Knechtschaft der Sklaverei – manche nehmen das als Anlass gehörig zu übertreiben und bemühen sich (oft erfolglos) Berge von Kren zu verzehren ohne dabei das Gesicht zu verziehen. Man trinkt auch vier Becher Wein (oder Traubensaft), um die gewonnene Freiheit zu feiern. Daraus werden zehn Tropfen vergossen, als Symbol für die Plagen welche unsere Sklavenhalter leiden mussten, und als Erinnerung sich niemals am Leid anderer, nicht einmal seiner Unterdrücker, zu erfreuen.

Zu Beginn eines Seders stellt die jüngste anwesende Person vier Schlüsselfragen. Das ist für die Jüngsten oft eine Mutprobe, aber auch eine Gelegenheit die Angst vor öffentlichem Sprechen zu überwinden. Ein Brauch ist auch, dass Kinder ein für den Abend wichtiges Stück Mazzah, den Afikoman, verstecken, welcher anschließend von den Eltern freigekauft werden muss, damit der Seder fortschreiten kann. Kinder stehen also im Mittelpunkt, denn sie wissen von der Sage in der Regel noch nicht viel. Im Kern geht es zu Pessach darum, jedes Jahr aufs Neue die Geschichte der Befreiung aus der Sklaverei zu erzählen. Man sagt, wären unsere Ahnen nicht befreit worden, wären wir heute noch Sklaven. Es ist daher so zu berichten, als wäre man selbst Sklave in Ägypten gewesen.

 

Fact: Bei einem Seder soll ausgiebig über jedes Detail der Haggadah diskutiert werden, Neugierde ist mehr als willkommen. An vielen Tischen ist es üblich ein „Wort“ vorzubereiten, also einen Aspekt der Pessach-Geschichte aus religiöser Sicht näher zu studieren, und das Ergebnis der Recherche an geeigneter Stelle während des Seders vorzutragen. Wenn man dabei keinen Unsinn erzählt, kriegt man gelegentlich von den Anwesenden ein lautes „Schkoyach!“ (Jiddisch für „stark“, oder „bravo“) zu hören.

JöH, MM