"Sterblich sein": Mit einer so betitelten Sonderausstellung über "den unausweichlichsten Bestandteil jeder Existenz" setzt das Dom Museum Wien seine Auseinandersetzung mit Grundkonstanten des menschlichen Lebens. Nach Sonderschauen über "Family Matters" (2019) und "Fragile Schöpfung" (2020) "arm & reich" (2021) und "Mahlzeit" (2022) nun also der Tod, der - glaubt man dem bekannten Klischee - besonders gut zu Wien passt. Direktorin Johanna Schwanberg will dessen Bedeutung im individuellen wie auch im kollektiven und gesellschaftspolitischen Kontext nachspüren. "Intime, persönliche Ansätze werden genauso beleuchtet wie die öffentliche, politische Rolle des Sterbens und die Auseinandersetzung damit", teilte sie anlässlich der Eröffnung der von ihr kuratierten Ausstellung mit.
Wie bei Sonderausstellungen im Dom Museum Wien gewohnt, soll mittels Gegenüberstellung von Kunstwerken ein kulturhistorischer Bogen bis in die Gegenwart gespannt werden. Gleich im ersten Raum der Sonderausstellung erfolgt dies mit einer lindenhölzernen "weinenden Maria" des Barockbildhauers Giovanni Giuliani aus der Kunstsammlung des Stiftes Heiligenkreuz vor dem großfomatigen Bildnis "Ce n'est qu'un au revoir" (dt.: "Es ist nur ein Auf Wiedersehen") des 1995 geborenen französisch-senegalesischen Künstlers Alexandre Diop, der mit Tod und Trauer fast spielerisch leicht umgeht.
Den größten Raum der Sonderschau teilt eine Wand, die auf der einen Seite ebenfalls eine beeindruckende Skulpturengruppe Giulianis zeigt: Die "Kreuzabnahme" (um 1730) eines der bedeutendsten Bildhauer des österreichischen Barock vermittelt ein Passionsgeschehen, in dem gleichzeitig christliche Auferstehungshoffnung zum Ausdruck kommt. Ganz anders das mehr als ein Jahrhundert früher entstandene, von Nikolaus Gansterer jüngst zeichnerisch neu kontextualisierte Gemälde "Triumph des Todes" von Jan Brueghel dem Jüngeren, der in düsterer Szenerie zeigt: Dem Tod entgeht niemand.
Diese unerbittliche Wahrheit provoziert Protest - in der Schau künstlerisch und zugleich augenzwinkernd umgesetzt von der französischen Künstlerin Orlan mit einem hohen Stapel von Plakaten, auf denen eine "Petition gegen den Tod" abgedruckt ist. "Es ist genug!", ist darauf zu lesen, "es dauert schon Jahrtausende!".
Es sei Zeit, gegen den Tod vorzugehen, denn: "Ich will nicht, dass meine Freund*innen und Familie sterben!" Mit diesem Protest verbunden die Aufforderung: "Unterschreiben Sie diese Petition auf: www.orlan.eu".
Einer von vielen Aktualitätsbezügen zu gegenwärtigen todbringenden Ereignissen stammt von der jungen ukrainischen Künstlerin Olia Fedorova. Sie stellte dem Dom Museum Wien zwei Stoffflächen zur Verfügung, auf denen sie in Charkiw während des russischen Angriffskrieges "Wutgebete" schrieb.
Ein Blickfang in zweiten Raum, in dem hochkarätige Graphiken aus der Sammlung des vor 50 Jahren verstorbenen Priesters und Kunstmäzens Otto Mauer dominieren, ist ein von der Decke hängendes, vier Meter langes Aluminium-Skelett von Otto-Mauer-Preisträger Manfred Erjautz. Die Knochenhand verdeckt die Augenhöhlen der schwebenden Gestalt und begründet deren Titel "Blindflug".
Weitere Highlights der an Merk-Würdigem reichen Ausstellung: Albin Egger-Lienz' Gemälde "Der Bauer und der Tod", schräg darunter Kriegsausrüstung und Uniform als Hinweis darauf, dass das Todesgeschäft zeitlos ist. Das in der Kunstgeschichte so bedeutsame Motiv der Pietà aktualisiert die Schau mit einer lebensechten Silikonskulptur zweier Männer: Der jüngere hält den nackten, wohl toten alten im Arm. Eindrucksvoll auch die Fotoserie des Syrers Khaled Barakeh, in der die aus Kriegsszenerien getragenen Opfer herausgeritzte, weiße Leerflächen bleiben.
"Wir sind davon überzeugt, dass wir unserem Publikum diese Ausstellung zumuten können, ja sogar müssen", merkte Museumsdirektorin Schwanberg zu derlei schwerer Kost an. Denn zu den Kernaufgaben eines gegenwärtigen Museums gehöre es nicht nur, zu unterhalten. Das Dom Museum Wien sei einer der angemessensten Orte, um eine Ausstellung über das menschheitsbestimmende Thema Tod auszurichten, so die gemeinsam mit Klaus Speidel als Kuratorin tätige Expertin: Angesichts der ungemeinen Präsenz der Todesthematik in der christlichen Kunst, aber auch während der Pandemie und des Kriegs in Europa, sei es naheliegend gewesen, die reichen Bestände des Museums zu nutzen, die direkt oder indirekt mit dem Tod zu tun haben.
In den Museumsräumlichkeiten am Stephansplatz 6 finden sich Werke u.a. von Alfred Kubin, Maria Lassnig, Otto Dix, Albin Egger-Lienz, Anton Romako, Günter Brus, Arnulf Rainer und anderen zeitgenössischen Kunstgrößen, aber auch alte Meister wie Jan Brueghel der Jüngere, der Meister des Albrechtsaltars sowie Kunstschaffende des Mittelalters, deren Namen nicht überliefert sind.
Die Sonderausstellung ist bis 25. August 2024 geöffnet. Auch im Rahmen der "Langen Nacht der Museen" des ORF gibt es Gelegenheit zum Besuch mit dem entsprechenden Ticket, Zählkarten für Rundgänge um 18.30 Uhr, 19.30 Uhr und 20.30 Uhr werden ab 18 Uhr an der Kassa ausgegeben.
Das 2020 mit dem Österreichischen Museumspreis ausgezeichnete Dom Museum Wien zählt zu den innovativsten Ausstellungsstätten für historische Sakralkunst. Es zeigt unter anderem das weltberühmte Bildnis des Habsburgers Rudolf IV. und präsentiert darüber hinaus Schlüsselwerke der Moderne, der Nachkriegsavantgarde und der zeitgenössischen Kunst aus der Sammlung Otto Mauer.
Die Themenausstellung "Sterblich sein" im Dom Museum Wien (Stephansplatz 6, 1010 Wien) ist von 5. Oktober bis 25. August 2024 geöffnet. Dazu erschien ein mehr als 400 Seiten starker Katalog, außerdem plant das Museum ein umfangreiches Kunstvermittlungsprogramm.