Samstag 25. April 2026

Schnellsuche auf der Website

27.03.2014

Papst will nicht nur Zeichen setzen, sondern verändern

Kardinal Schönborn im "ORF III"-Interview.

Mit Initiativen wie seinem Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa wolle Papst Franziskus nicht nur Zeichen setzen, sondern auch etwas verändern. Das hat Kardinal Christoph Schönborn in einem am Mittwoch, 26. März 2014, gesendeten Gespräch in der "ORF III"-Reihe "Das ganze Interview" hervorgehoben. Der Wiener Erzbischof sieht Kirche, Politik und Gesellschaft durch die Signale des Papstes etwa zum Umgang mit Flüchtlingen positiv herausgefordert. "Das ist eine Frage die mich sehr bedrängt: Wie kann dieser so klare Impuls von Papst Franziskus verstärkt aufgegriffen werden, auch von uns", sagte Schönborn in dem Interview mit "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak.

 

Papst Franziskus setzt Zeichen

Der Kardinal nahm auch Stellung zu Vorwürfen, Kardinäle und Bischöfe würden den Papst zwar bewundern, ihn in seinen Initiativen aber allein lassen. "Ich nehme diese Frage sehr ernst, sie beschäftigt meine Gewissenserforschung. Er will nicht nur Zeichen setzen, sondern er will etwas verändern", sagte Schönborn. Ein Beispiel dafür sei der Einsatz des Papstes gegen den weltweiten Menschenhandel, den Franziskus mehrmals als eine der "großen, unbeachteten Wunden unserer Zeit" bezeichnet habe, so Schönborn. Ganz offensichtlich wolle der Papst dieses Thema in seinem Pontifikat politisch wie gesellschaftlich präsent machen.

 

Das Thema sei auch bei der Papstaudienz der österreichischen Bischöfe im Rahmen des Ad-limina-Besuchs im Jänner angesprochen worden und auch für Österreich und Wien "dramatisch", wie Schönborn sagte: "Wir sind unglaublich streng mit der Flüchtlingsgesetzgebung, mit dem Behandeln von Asylfragen. Und wir sind offensichtlich ziemlich freigiebig im Wegschauen, wenn es um das Problem Menschenhandel geht."

 

Der Kardinal verwies auf den von Ordensfrauen getragenen Verein "Solwodi", der in Wien das Thema Menschenhandel bewusst aufgreift und Opfern von Frauenhandel Hilfe bietet. "Der Papst hat uns ausdrücklich ermutigt, hier dranzubleiben und nicht locker zu lassen."

 

Finanzsystem kennt keine Grenzen

Kritik an der von manchen Seiten als undifferenziert und einseitig beschriebenen Kapitalismus-Kritik von Papst Franziskus wies Schönborn in dem Interview zurück. Zitate wie "Die Wirtschaft tötet" aus dem Lehrschreiben "Evangelii gaudium" müssten im Kontext betrachtet werden, so Schönborn: "Der Papst hat nicht von 'der' Wirtschaft gesprochen und er hat auch nicht von 'dem' Kapital gesprochen, sondern von einer Einseitigkeit, auf die hinzuweisen durchaus legitim und bedenkenswert, ich glaube sogar notwendig ist." Allein seit der Finanzkrise sei die Verschuldung Europas auf acht Billionen Euro gestiegen, und zwar "aus einem Finanzsystem heraus, das einfach die Grenzen nicht mehr wahrnehmen will und Nachhaltigkeit, Zukunftsorientiertheit und Generationenverträglichkeit nicht mehr im Blick hat".

 

Abgeben von Pfarren "unvermeidlich"

"Wir versuchen einen Weg, der zugleich auch eine Vorwärtsstrategie ist, nämlich mehr Zusammenarbeit zwischen den Pfarren, mehr Bündeln der Kräfte", sagte der Wiener Erzbischof zur Debatte um die Neugestaltung der Pfarrstruktur in der Erzdiözese Wien. Angesichts der schrumpfenden Katholikenzahl in Wien werde das Abgeben von Pfarren an andere christliche Gemeinschaften jedoch "unvermeidlich sein". Er könne dabei den Schmerz der Menschen in betroffenen Pfarren verstehen, versicherte der Kardinal. "Ich selber wäre auch sehr traurig, wenn meine Heimatpfarre, die Pfarre meiner Kindheit, die für mich so viel bedeutet, geschlossen oder abgegeben werden müsste."