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03.08.2014

Entfaltung braucht ein gutes Klima

Interview mit Sigrid Müller der ersten Frau an der Spitze der Katholisch-Theologischen Fakultät.

Seit 2012 sind Sie Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien - die erste Frau in dieser Position. Sehen Sie sich als Vorreiterin?

Sigrid Müller:  De facto bin ich das wahrscheinlich. Ich werde öfter angesprochen von Studierenden, von Doktorandinnen oder etablierten Forscherinnen, die sich sehr darüber freuen, dass sie jetzt eine Frau in dieser Position erleben. Das macht irgendwie Mut, dass es möglich ist. Es ist ein großes Geschenk, dass das alles so passiert ist. Ich bin jenen dankbar, die den Mut hatten und auf die Qualitäten geschaut haben, und nicht darauf, ob man Mann oder Frau ist.

Viele Frauen bleiben auf der Karriereleiter hängen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es gehört ein gutes Klima dazu, damit man sich gut entfalten kann. In manchen von Männern dominierten Gebieten ist es nicht einfach für Frauen, sich einzufinden. Da merkt man doch Folgen der Sozialisierung - auch wenn wir uns heute bemühen, Buben und Mädchen gleich zu erziehen, es formieren sich unterschiedliche Verhaltensweisen. Es müssen aufgeschlossene Chefs da sein. Auch Männer brauchen Förderer und ein gutes Umfeld. Aber Frauen haben zusätzliche Herausforderungen, sich in diesem Umfeld zu behaupten. Kollegen melden mir oft: Die Frauen arbeiten 150-prozentig. Die Männer arbeiten 100-prozentig, und es reicht auch. Diese Unterschiede gehen sicher auch darauf zurück, dass es andere Arten gibt, miteinander umzugehen und einander wertzuschätzen. Diese kann man vielleicht nicht intuitiv verstehen, wenn man ein bisschen anders sozialisiert wurde.

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Vor allem die Geschichte der Moraltheologie. Mich hat schon immer interessiert, wie sich die Theologie entwickelt hat. Es ist ganz wichtig, auf die eigene Geschichte zurückzuschauen, weil man merkt, dass viele Dinge anders waren - und man meint, es war schon immer so wie heute. Man lernt sehr viel, lernt auch umdenken und Parallelen sehen. Und, dass Menschen früher auch vernünftig gedacht haben.


Ich beschäftige mich auch mit Bioethik und Medizinethik. Diese Dinge betreffen unser Leben einschneidend. Dahinter verstecken sich viele Fragen, die wir im Alltag lösen müssen. Was machen wir, wenn wir keine Kinder bekommen können und dann auf technische Hilfe angewiesen sind? Sollen wir das in Anspruch nehmen oder nicht? Wie gehen wir mit dieser High-tech-Medizin um?


Mein drittes Gebiet ist die Frage, ob sich der Glaube auf das Handeln auswirkt. Ist das Theologische wichtig für eine gute Entscheidung oder nicht? Das sind Diskussionen, die man gar nicht abschließend lösen kann. Aber es ist ein unheimlich wichtiges Gebiet, weil sich daran oft entzündet, ob man von Theologen denkt, sie sind Exoten, oder,  sie haben etwas zu sagen für unsere Gesellschaft.

Ist theologische Ethik nur für Christen oder universal relevant?

Die katholische Moraltheologie hat immer einen universalen Anspruch vertreten, aber im Sinne jeder Ethik, die denkt, dass sie zu Normen findet, die verantwortbar sind und für alle Menschen gültig sein können. Es gibt dagegen natürlich Anfragen - gerade in einer Welt, die Religion oft als etwas Irrationales versteht und meint, heutzutage kann Ethik nur noch rational, nur philosophisch sein.

 

Da vergisst man oft, dass Menschen, die nicht glauben, dennoch ein Wertsystem, Lebensvorstellungen und Zielperspektiven haben, die genauso reflektiert werden müssen wie religiöse Vorstellungen. Und dass wir Menschen bestimmte Grundwerte und -ansichten sowieso teilen. Insofern sind wir mit der theologischen Ehtik immer in einem Raum zwischen rationaler Begründung und den Dimensionen, die mit Vernunft allein nicht ergründet werden können. Der Moraltheologie geht es immer um mehr: um das Einordnen des eigenen Handelns in einen Gesamthorizont oder in Lebensperspektiven, die in diesem Fall aus dem Glauben kommen.

Was bringt Moraltheologie in aktuellen Diskussionen wie jener um die Stammzellenforschung?

Der Theologie und der theologischen Ethik geht es immer um die Perspektive des Menschen als ganzem und des gelingenden Menschseins. Deswegen ist sie oft ein Stachel, der sagen möchte: Konzentrieren wir uns nicht nur auf die spezifische Frage, die natürlich geregelt werden muss, sondern schauen wir uns die Frage in einem größeren Kontext an. Was bedeutet es, wenn wir diese Technik zum Standard machen? Wenn wir auf der einen Seite Leben schützen, auf der anderen Seite damit umgehen, als wäre es nichts. Insofern ist der Beitrag der theologischen Ethik, dass sie immer die Sinnfrage stellt. Dadurch schafft sie nicht die Probleme aus der Welt, sondern versucht, diese in einen größeren Horizont einzubetten.
         

Interview: Franziska Lehner