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18.08.2014

An Hunger stirbt man leise

Eine Situation, mit der sich die Caritas nicht abfinden will.

Vier Männer sind notwendig, um die völlig entkräftete am Boden liegende Kuh von Mamadou Ousseynou wieder auf die Beine zu stellen. Es ist die letzte überlebende Kuh der Familie. Seit Wochen findet sie in der kargen Savanne nichts mehr zu fressen. Wenn sie stirbt, dann haben die Kinder nicht einmal mehr das bisschen Milch, das bis jetzt geblieben ist.

 

Die Sonne brennt hier erbarmungslos mit 50 Grad auf Mensch und Vieh. Die 200 Bewohner des Dorfes warten ungeduldig auf die Regenzeit. Die letzten Nahrungsmittel sind verbraucht, vor allem die Kinder zeigen schon massive Symptome von Unterernährung: sie sind apathisch, haben einen greisenhaften Gesichtsausdruck, kaum noch Muskeln. Andere haben dicke Blähbäuche oder Wasserablagerungen in Füßen und Händen. Sind die Kinder einmal so geschwächt, dann können schon an sich harmlose Erkrankungen zum Tod führen.


Die meisten Bewohner von Oussenou leben von der Viehzucht, von Rindern, Ziegen und ein paar Hühnern. Zusätzlich werden noch Mais und Bohnen angebaut. Doch davon kann niemand leben. Auch nicht Souleimane Diallo. Seine Lehmhütte liegt am Rande des Dorfes. Ein vielleicht 15 mal 15 Meter großes Stück Land ist sein einziges Feld. Doch der Boden ist steinhart, von Pflanzen keine Spur. Anbauen könne er erst, wenn der Regen kommt, erklärt Diallo. Aber auch wenn die Ernte gut ist, kann er seine Frau und die fünf kleinen Kinder nicht länger als zwei bis drei Monate davon ernähren, erzählt er. Wenn ihm seine drei erwachsenen Söhne, die in einem anderen Landesteil als Viehhirten arbeiten, nicht ab und zu etwas Geld schicken würden, könnte er seine Kinder hier nicht über die Runden bringen. Dass die Familie kein Geld hat, um die Kinder in die Schule zu schicken, ist kaum mehr als einen Nebensatz wert. Und Geld für Medikamente gibt es natürlich auch nicht. „Wir haben nichts“, sagt Diallo.


Zum Weinen zu schwach

Oussenou liegt im äußersten Osten des Senegal, in der Provinz Mattam, die an Mauretanien grenzt und zur westafrikanischen Sahelzone gehört. Den Menschen droht die dritte Hungerkatastrophe innerhalb von sieben Jahren. Hier im Sahel sind die Folgen der von den Industriestaaten verursachten Klimaveränderung am deutlichsten spürbar.

 

In der Provinzstadt Oroussogui gibt es im städtischen Krankenhaus eine Kinderklinik, in der schwer unterernährte Säuglinge und Kleinkinder behandelt werden. In heruntergekommenen Sechsbett-Zimmern haben Mütter mit ihren Kindern Zuflucht gefunden. Einige Babys und Kleinkinder schreien und weinen, andere sind dafür längts zu schwach. Der kleine Sada ist 18 Monate alt und wiegt nur 5,3 Kilo. Seine Augen starren ins Leere. Er mag weder essen noch trinken. Seine 25 Jahre alte Mutter hat keine Milch für ihn. „Weil ich viel zu selten esse", sagt sie. Mehr als einige Hände voll Reis pro Tag sind nicht drinnen.


Vorsichtig tastet der Pfleger Cerif Kama den Bauch des Buben ab. Die Haut lässt sich ein Stück weit anheben. Ein deutliches Zeichen dafür, dass darunter jedes Fettgewebe fehlt, erklärt Kama. Die Kinder in der Klinik kämpfen alle mit den Folgeschäden des Hungers. Häufig sind Herz- und Lungenkrankheiten sowie Durchfall. Sada etwa leidet auch an Malaria. Die Ärzte müssen erst diese Komplikationen behandeln, bevor sie mit dem Aufpäppeln der kleinen Patienten beginnen können.


Rund 15 Kinder können in der kleinen Station pro Monat behandelt werden. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, das weiß auch Kama. Dabei gibt es mehrere Zentren wie jenes in Oroussogui, doch in vielen stehen Zimmer und Betten leer. „Weil sich die Menschen die Behandlung nicht leisten können“, sagt Kama. In Oroussogui sei die Behandlung und auch der Transport ins Krankenhaus dagegen kostenlos. Internationale Organisationen, wie die Caritas, übernehmen alle Kosten. Dem kleinen Sada wird das wohl das Leben retten.


Wir stehen am Anfang

Doch neben dieser Art der finanziellen Unterstützung und der Soforthilfe in Form von Lebensmittellieferungen, braucht es auch dringend weiterführende Maßnahmen, damit die Menschen langfristig wieder auf eigenen Beinen stehen können.

 

Dass eine solche Hilfe möglich ist, wird im Dorf Korkadie im Norden des Senegal deutlich. Das Dorf liegt am Fluss Senegal. Kleine Anbauflächen, wenig Regen und fehlende landwirtschaftliche Geräte hatten in der Vergangenheit immer wieder zu Hungerperioden geführt.

 

Seit gut zehn Jahren sind die meisten Bewohner des Dorfes aber Mitglied in der Genossenschaft CORAD. Sie bietet den Mitgliedern einen leichteren Zugang zu hochwertigem Saatgut, Dünger, Werkzeug, Kleintieren, Krediten und hilft auch bei der Vermarktung der Produkte. Caritas-Präsident Michael Landau ist überzeugt, dass es durch CORAD vielen Menschen nun besser geht. Freilich bleibt noch viel zu tun. Landau: „Wir stehen hier mit unserer Hilfe erst am Anfang.

 

Eines ist aber klar: Wir können nur dann ausreichend helfen, wenn wir von vielen Österreicherinnen und Österreichern unterstützt werden."