Em. Univ.-Prof. DDr. Johannes Fried lehrte zuletzt mittelalterliche Geschichte in Frankfurt.
Warum lohnt es, sich noch heute mit Karl dem Großen zu beschäftigen?
Fried: Karl der Große hat für die europäische Geschichte einiges geleistet. Er hat Entwicklungen in die Wege geleitet, die bis heute nachwirken.
Zum Beispiel die karolingischen Minuskel, die Schrift, die wir heute noch alle gebrauchen. Die ist zwar erst im 15./16. Jahrhundert so richtig angewandt worden, sie geht aber auf den Hof Karls des Großen zurück. Nicht unbedeutend ist auch die Organisation der katholischen Kirche. Er hat dafür gesorgt, dass die Einteilung in Erzbistümer erneuert und durchgeführt wird. Beispielsweise ist das Erzbistum Salzburg durch ihn ins Leben gerufen worden. Mit seinen Impulsen und über seinen Hof geschah die frühe Rezeption des Aristoteles in Europa und damit eine Zielgerichtetheit des Denkens. Damit wurde ein westeuropäisch-lateinischer Denkstil ins Leben gerufen, der bis heute nachwirkt und weltweit dominiert. Selbst die Chinesen haben ihn übernommen.
Was waren Karls des Großen Stärken, welche seine Schwächen?
Fried: Er war ein Herrscher, der sein Volk hinter sich zu bringen verstand. Er hat Glück gehabt, insofern er große Siege, die ihm Beute zuspielten, einfahren konnte, etwa Bayern. Die wichtigste Beute zuletzt war das Awaren-Reich. In dem Augenblick, wo keine Beute mehr floss, wurde auch der Zusammenhalt des Reiches gefährdet. Seine größten Schwächen sind schwer zu definieren und zwar deswegen, weil sie nicht aufgeschrieben worden sind.
Inwieweit hat sich der Krieger Karl der Große zum Friedensstifter gewandelt?
Fried: In seinen Sachsen-Kriegen ging er anfänglich zum Teil sehr brutal vor. Zum Teil deswegen, weil ich nicht so ganz sicher bin, dass diese Brutalität seinem Charakter entsprach. Er reagierte mit Brutalität auf etwas, was er für einen Vertragsbruch hielt. Ob es ein Vertragsbruch war, sei dahingestellt. Ich denke, es waren Verhaltensweisen von Kleingruppen der von den Franken Sachsen genannten Bevölkerungsgruppe, die aber keineswegs homogen operierten. Und Karl der Große hatte mit den einen einen Vertrag geschlossen und die anderen fühlten sich nicht daran gebunden.
Damals hat Karl die „Capitulatio de partibus Saxoniae“ ins Leben gerufen, eine ganz brutale Rechtsordnung, die für das kleinste Vergehen die Todesstrafe setzte. Diese ist dann auf Betreiben seines großen Lehrers am Hof, Alkuin, zumindest abgemildert worden.
Karl der Große hat in der späteren Phase der Sachsenkriege mehr auf Bekehrung, mehr auf Überzeugung als auf Gewalt gesetzt. Die Mission sollte friedlich vor sich gehen und dieses Konzept hatte viel größeren Erfolg.
Warum ist Karl der Große einerseits populär, andererseits doch vergessen?
Fried: Da gibt es unterschiedliche Gründe. In Deutschland beschäftigt sich der Geschichtsunterricht fast nur mehr mit der letzten Phase des 20. Jahrhunderts oder vielleicht gerade noch mit dem Dritten Reich. Das liegt nicht an den Geschichts-Lehrern, sondern an den Lehr-Programmen. Das ist sicher der wichtigste Grund für die mangelnde Kenntnis Karls des Großen und seiner Bedeutung.
Aber warum ist er noch heute populär?
Fried: Er ist das ganze Mittelalter über einer der Heroen des Königtums gewesen. In Notzeiten hat man immer wieder Karl den Großen als den großen Gesetzgeber, den großen Friedensstifter ins Auge gefasst. Schließlich wurde er sogar in einem politischen Zusammenhang heiliggesprochen.
Hier und da gab es auch den Karls-Kult. Und dies bewirkte, dass er immer im Hintegrund der Kirche, des kulturellen Gedächtnisses, der gebildeten Schichten präsent blieb.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt eine ganz neue Phase dazu: Als im Zuge des Friedensschlusses und der Notwendigkeit, die zerklüfteten politischen Gebilde wieder zu vereinen, Karl der Große als Einheits-Figur entdeckt worden ist. Man hat 1949 in Aachen den Karls-Preis gestiftet. 1965 kam die großartige Aachener Karls-Ausstellung, die den Mythos „Karl der Große“ ungeheuer befördert hat.
Zwischen beiden Daten liegt die Gründung der Europäischen Union, der EWG (das Europa der „6“ Staaten), ein Gebiet, von Österreich abgesehen, das Karl der Große tatsächlich einmal politisch geeint hat. Da wurde Karl der Große als Vater Europas entdeckt.