„Seit dem 19. Jahrhundert ist die Literatur, wie sie in dem von Wien beeinflussten Raum entstand, von Doppelbödigkeit, Ambivalenz und ironischer Gebrochenheit durchdrungen. Das Entscheidende wird niemals direkt ausgesprochen, sondern findet sich zwischen den Zeilen“, sagt P. Jakob Deibl OSB (Universität Wien, Institut für Fundamentaltheologie).
Dafür sieht er zwei Gründe. „Zum einen handelt es sich um eine Antwort auf die Untertanenmentalität, welche aus der Zeit der Monarchie weit über 1918 hinaus in unsere Gesellschaft hineinreicht. Im Gestus der Ironisierung vermochte die Literatur eigene Weisen kreativen Umgangs damit auszubilden“, betonte Deibl: „Zum anderen entsteht in Wien um 1914 ein abgründiger Nihilismus, welcher den Glauben an sämtliche Werte, selbst an die unmittelbare Geltung der Sprache und ihre Fähigkeit, etwas auszusagen, verloren hat. Nichts lässt sich mehr direkt ausdrücken, Bedeutung entsteht in den Zwischenräumen.“
Es war weniger ein „Tanz auf dem Vulkan“ als die Sehnsucht nach dem großen Krieg, ist er überzeugt. „Äußerungen vieler Wissenschaftler, Schriftsteller, Philosophen und Theologen aus der Zeit des Sommers 1914 zeigen eine unfassbare Begeisterung für den kommenden Krieg“, sagt Deibl: „Dem dekadenten alten Europa traute man nichts mehr zu; aus dem Krieg, dessen Dauer man auf einige Monate schätzte, werde ein neues Europa hervorgehen.“ Doch bald schon setzte „die Ernüchterung ein, nicht wenige der anfänglichen Befürworter wurden zu Kriegsgegnern".
Das Bild des „Tanzes auf dem Vulkan“ scheint ihm „eher geeignet, um unsere Zeit zu charakterisieren“: „Wir alle wissen um das weltweite Ausmaß ökologischer Zerstörung, handeln aber, als ob uns das nichts mehr anginge, als seien wir ohnehin die letzten Menschen.“
Karl Kraus greife, wie viele andere auch, „um 1914 auf apokalyptische Bilder zurück, um eine Sprache zu finden für das, was sich ereignet“. Deibl: „Eine klassische theologische Kategorie, die Apokalypse, gewinnt Relevanz, um Zeit und Gesellschaft zu deuten“. „Apokalypse“ müsse dabei aber – ganz im Sinne der Bibel – „als eine vielschichtige Kategorie“ verstanden werden. Sie drücke „das Ende sämtlicher alter Ordnungen aus, blickt aber nicht starr auf die Katastrophe, sondern versucht, diese in Worte zu fassen“. Deibl: „Dabei stellt sie die Frage, ob es zu einer Erneuerung kommen kann und es eine Zeit nach der Katastrophe gibt. All diese Aspekte finden sich auch in den Schriften von Kraus. Er darf nicht darauf reduziert werden, bloß Chronist des Untergangs der Menschheit zu sein."
Welches Werk von Kraus müsse man dazu unbedingt lesen? Deibl verweist auf zwei Werke: „Die letzten Tage der Menschheit“ und den Gedichtband „Worte in Versen".