Eine zukünftige friedliche und demokratische Zusammenarbeit von Christen, anderen Minderheiten und Muslimen in der arabischen Welt stand im Mittelpunkt einer von der maronitischen Kirche veranstalteten, hochkarätig besetzten Konferenz von Samstag 8. November bis Montag 10. November 2014 im Libanon, an der auch Kardinal Christoph Schönborn teilnahm. In seinem Schlusswort würdigte der Wiener Erzbischof in Bkerke bei Beirut die außergewöhnliche und schwierige Versöhnungs-, Friedens-, Sozial- und Flüchtlingsarbeit, die die mit Rom verbundene zweitgrößte Kirche des Orients vor allem im Zedernstaat leistet.
Kardinal Schönborn hob insbesondere die Rolle des maronitischen Patriarchen Kardinal Bechara-Boutros Rai, der auch Gastgeber der internationalen Tagung war, hervor. Auf Patriarch Rais Schultern ruhe "eine enorme Last und Verantwortung", sagte Kardinal Schönborn. Er sei beeindruckt von der großen Hoffnung, die Rai und seine Kirche vermittle. Es sei wichtig, dass viele Besucher aus dem Westen diese christliche Hoffnung erlebten.
Demgegenüber sei es schwer, im Bereich der regionalen Politik Durchbrüche aus den verhärteten Fronten zu erkennen, so der Wiener Erzbischof unter Bezugnahme auf ein vorangegangenes Gespräch mit dem libanesischen Innenminister Ziyad Baroud. Das Gespräch war Teil des Programms der Konferenz der libanesischen Kirche mit dem "International Catholic Legislators Network" (ICLN). Nach Bkerke gekommen waren Parlamentarier aus Europa und Amerika. Kardinal Schönborn ist Mitinitiator und Berater der Gruppe; Lojze Peterle (EU-Parlament) und Catherine Vierling (Frankreich) wurden von ihm im Libanon für die Diskussionsleitung ausgewählt.
Wichtiger Programmpunkt war die Begegnung mit Flüchtlingen. Seit Jahren sind maronitische Geistliche und Ordensangehörige auch stark in der Caritas- und Flüchtlingsarbeit engagiert. Kardinal Schönborn besuchte das Ordenshaus in Raifoun, das der Caritas übergeben wurde und als Heim für Flüchtlinge, Menschenhandelsopfer und Frauen ohne Ausreisepapiere dient.
Caritas-Präsident Paul Karam empfing die Besucher aus Europa, den USA und Argentinien. Die Flüchtlinge erzählten von ihren Schicksalen. Vielfach wurde ihnen alles geraubt, und sie kamen mit nichts als dem nackten Leben aus der vom "Islamischen Staat" (IS) beherrschten Zone hinaus.
Der Wiener Erzbischof informierte sich über den Ablauf der Massenvertreibungen, die IS-Dschihadisten im nahen Syrien und Irak durchführten. Er forderte stärkere internationale Solidarität mit dem Libanon, wo man sich einem für europäische Verhältnisse unvorstellbaren Flüchtlingsansturm gegenübersehe.
Bei der ICLN-Konferenz erörtert wurde vor diesem Hintergrund auch das Problem einer fehlenden Trennung von Politik und Religion in den Ländern, die sich als islamisch verstehen. Der Beiruter Erzbischof Paul Matar sagte, es müsse neue Verfassungen geben, in denen allen Bürgern - gleich welcher Religion - die gleichen Rechte zugesprochen werden.
EU-Abgeordneter Lojze Peterle bedauerte das schwache Engagement der EU für die verfolgten Minderheiten. Er hoffe, dass es unter dem neuen EU-Ratspräsidenten und der neuen Außenbeauftragten "mehr Europa" gerade in Krisenzentren geben werde. "Mehr Europa geht aber nur dann, wenn es nicht weniger europäische Identität gibt", sagte der einstmalige slowenische Ministerpräsident im Blick auf das identitätsstiftende jüdisch-christliche Erbe des Kontinents, das nicht abgedrängt werden dürfe.
Der slowakische EU-Abgeordnete Miroslav Mikolasik äußerte sich zuversichtlich, dass Papst Franziskus bei seinem Besuch im Europaparlament in Straßburg am 25. November auch zu den Menschenrechtsverletzungen gegenüber christlichen Minderheiten sprechen werde. Er werde sich gemeinsam mit weiteren Abgeordneten bemühen, dass der Papstbesuch im EU-Parlament in Begleitung des libanesischen Patriarchen stattfinden werde.