Vor einem Dammbruch in der Sterbehilfedebatte hat die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), Gerda Schaffelhofer, gewarnt. Von der "Tötung auf Verlangen zur Tötung ohne Verlangen" sei es "nur eine kurze Schrittlänge", erklärte sie am Mittwoch, 19. November 2014 bei einer Podiumsdiskussion im Klagenfurter Diözesanhaus anlässlich der Präsentation des Buches "Dem Menschen nahe sein. Vom Umgang mit Leiden, Würde und Sterben", herausgegeben vom Psychiater und Psychologen Herwig Oberlechner und dem Chefredakteur der Kärntner Kirchenzeitung "Sonntag", Gerald Heschl.
Anstatt von der "Würde des Menschen" in Richtung "Ware Mensch" zu marschieren, brauche es ein klares Bekenntnis zum Grundrecht auf ein "Sterben in Wurde" und eine klare Absage an ein "Sterben auf Verlangen". In einer "humanen Gesellschaft" dürften nicht die Faktoren "Nützlichkeit und Wirtschaftlichkeit" im Vordergrund der Diskussion ums Sterben stehen, sondern ein Begleiten Sterbender in ihrer letzten Lebensphase.
In mehreren medizinischen Perspektiven wurde anschließend auf das Thema eingegangen: Palliativmedizinerin Susanne Zinell warnte vor einer überhasteten Bewertung von Leben und plädierte für eine Palliativmedizin als "Beziehungsmedizin". Der Trauerseelsorger Johannes Staudacher bezeichnete das "Wegschieben des Schmerzes" und die "Veränderung der Angst vor dem Leiden" als "eigentlich unmenschlich". Gerade in der letzten Lebensphase sei es entscheidend, den Menschen in seinem so-Sein anzunehmen.
Der Intensivmediziner Rudolf Likar bescheinigte mit Zahlen aus seinem Klinikalltag die geringe Nachfrage nach Sterbehilfe. Von insgesamt 3.000 Patienten hätten zwei den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert, betonte Likar und kritisierte diesbezügliche Statistiken und Studien, "die dazu ein völlig falsches Bild vermitteln".
Auf die Bedeutung der Mit-Menschlichkeit bei der medizinischen Begleitung von Menschen am Lebensende hat Primar Herwig Oberlechner hingewiesen. Mediziner sollten "viel mehr Mitmenschen sein als nur Arzt". Manfred Kanatschnnig, Facharzt für Innere Medizin, Onkologie und Neurologie kritisierte die Beschleunigung in der Medizin. "Qualitäts- und Zeitmanagement setzen Ärzte und Pflegepersonal gleichermaßen unter Druck und sorgen für Verunsicherung", so der Experte.
Die 168 Seiten starke Publikation ("Styria Premium"-Verlag, 19,99) versteht sich als ein Beitrag zur aktuellen Debatte über Sterbehilfe und betont die notwendige Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe, Palliative Care, Sterbebegleitung und Hospizarbeit. Experten aus den verschiedensten Bereichen, von der Palliativmedizin und Gerontologie bis zur Theologie und Philosophie, geben Auskunft darüber, wie sie zur Debatte stehen, wo sie doch ständig mit der Frage nach einem menschenwürdigen Umgang mit dem Tod konfrontiert sind.