Für eine Entwicklung der Ökumene in Richtung einer "Praxis der wechselseitigen Verantwortung und Rechenschaftspflicht" zwischen den Kirchen hat sich der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) beim Neujahrsempfang seiner Kirche in Wien ausgesprochen. Rechenschaftspflicht beziehe sich auf die Verantwortung der Christen füreinander, aber auch auf die Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens und für die Bewahrung der Schöpfung, so der serbisch-orthodoxe Bischof. Dies diene auch einem neuen Ethos der Solidarität in Europa und darüber hinaus.
Die Besonderheiten der einzelnen Kirchen dürften niemals gegen die umfassendere christliche Gemeinschaft ausgespielt werden, betonte Andrej, der sein Amt als serbisch-orthodoxer Bischof für Österreich, die Schweiz und Italien erst im Sommer des Vorjahrs angetreten hat. Sonst gerate die Gesellschaft in Gefahr, völlig "entchristlicht" zu werden.
"Beispielhafte Konfliktbearbeitung zur Überwindung schmerzlicher Trennungen" zwischen den Kirchen sei Voraussetzung für eine positive Rolle bei der Entschärfung oder gar Überwindung gesellschaftlicher und politischer Konflikte, so der Bischof weiter. Die Erwartung an die Kirchen werde in diesem Bereich immer dringlicher, wie die jüngsten Ereignisse in Frankreich zeigten. Glaubwürdigkeit im Umgang miteinander unterstreiche den Friedensauftrag der Christen in einer suchenden Welt. "Wenn die Christen zeigen, dass sie Gegensätze überwinden und schwierige ökumenische Fragen klären können", würden sie auch Österreich bei der "Suche nach tragfähigen Formen menschlicher und friedlicher Gemeinschaft im 21. Jahrhundert" dienen können.
Viele Kirchen seien noch nicht wirklich bereit, der Gemeinschaft in der Ökumene Zugeständnisse zu machen, bedauerte Bischof Andrej. Die Ökumene müsse ein Raum sein, wo Kirchen "ihr Weltbild hinterfragen" und "wechselseitige Anerkennung, Verständnis und Verantwortung füreinander wachsen können". Die Existenz eines solchen Raumes sei notwendige Voraussetzung für wirklichen Dialog, der "Schranken niederreißen" könne. Auch für die serbisch-orthodoxe Kirche stelle sich die Aufgabe, die Wahrung der eigenen Identität mit den Anforderungen der Solidarität und der wechselseitigen Verantwortung zu verbinden.