Sie waren mit Rabbi Schlomo Hofmeister in Jerusalem. Gab es da Kritik aus den eigenen Reihen?
Mich hat es gewundert, dass es nicht einmal eine Kritik per E-Mail gab. Die Islamische Glaubensgemeinschaft hat volle Rückendeckung gegeben. Nur mein Vater wollte nicht, dass ich nach Jerusalem gehe, weil er Angst hatte. Mein Opa hat aber gesagt: Da musst da hin! Am Ende war auch mein Vater sehr zufrieden.
Was hat die Aktion gebracht?
Wir haben gezeigt: Schaut her, wir Religionen können miteinander! Die Behauptung, die Religionen wollen sich nur gegenseitig die Köpfe einhauen, ist falsch. Die Thora, das Evangelium und der Koran sind Bücher der Liebe, nicht des Hasses. Es gibt natürlich immer wieder Idioten, die Religion missbrauchen wollen. Das macht uns das Leben definitiv schwer. Der feige Angriff auf „Charlie Hebdo“ war auch ein Angriff auf Muslime, auf den Islam, auf die Lehre des Propheten.
Was sagen Sie zu dem Vorwurf: Die Muslime sind nur friedlich, solange sie in der Minderheit sind. Sind sie einmal die Mehrheit, dann wird das ganz anders.
Dann sage ich einmal: Bitte belegen Sie es mir. Das ist genauso wie mit den Extremisten: Als Gefängnisseelsorger begegne ich auch einigen wenigen Radikalen. Sie sagen etwa: Im Islam ist es so, dass wir Ehrenmorde begehen müssen. Dann sage ich: Wo steht das im Koran? Es gibt keinen Beleg im Koran. Wenn jemand wenig Ahnung hat von der eigenen Religion, wenn jemand nicht weiß, dass man im Koran nicht die Verse einfach rauspicken kann, wird es gefährlich. Deshalb braucht es Aufklärung.
Manche Islamwissenschaftler sagen: Der Islam muss sich intensiver auseinandersetzen mit den Gewaltaufrufen aus seiner Entstehungszeit. Wie stehen Sie dazu?
Der Islam braucht keine Reform, aber manche Muslime müssen ihre Religion erst richtig lernen. Einige missbrauchen die Religion. Aber bei mehr als 99 Prozent ist das nicht der Fall. Es gab den Aufruf: Der Kalif hat gesprochen, und ihr müsst nach Syrien kommen und hier kämpfen! Wie viele sind gegangen? Bis dato 160. Jeder einzelne ist zu viel, aber das sind nur 0,02 Prozent der 600.000 Muslime in Österreich.
Wie gehen Sie als Religionslehrer im Gymnasium mit dem Attentat um?
Ich habe in jeder Stunde über dieses Thema gesprochen. Meine Schüler sind Gott sei Dank zu 100 Prozent der Ansicht, dass das, was in Paris passiert ist, zu verurteilen ist. Im Gefängnis bin ich bis dato zweien begegnet, die gesagt haben: „So schlimm kann das doch nicht sein. Wir haben uns nur verteidigt.“
Es heißt, dass Radikalisierung vor allem in der zweiten und dritten Generation von Einwandern stattfindet. Was läuft hier schief?
Ich bin ja auch dritte Generation. Weder mein Vater, noch mein Großvater – der auch Imam war - sind vom Weg des Islams in Sachen Barmherzigkeit abgekommen. Man sieht auch: Von den 160, die nach Syrien gegangen sind, waren viele aus Tschetschenien gekommen. Sie waren perspektivenlos, frustriert, voller Hass, auch psychisch nicht immer im Klaren. Sie suchen nach Erfolg, nach Anerkennung.
Aber was ist mit der nicht so extremen Radikalisierung – mit einer oft genannten schärfer werdenden Abgrenzung junger Muslime gegenüber der österreichischen Mehrheitsgesellschaft?
Ich bin live mittendrin, und erlebe die Probleme nicht so stark, wie sie oft von den Medien geschildert werden. Ich nehme definitiv nicht wahr, dass die Integration in diesem Lande nicht gelingt. Aber es ist notwendig, dass beide Seiten sich um Integration bemühen. Ein konkretes Beispiel: Ein radikaler Muslim sitzt im Gefängnis und bekommt zwei Zellengenossen, die er infiziert. Da müsste der Gefängnisseelsorger etwas tun. Aber wir sind in Österreich nur 46 muslimische Gefängnisseelsorger für 1600 Häftlinge – mit einem ganz kleinen Budget. Ich betreue in der Josefstadt 50 Muslime - in ein bis zwei Stunden pro Woche! Da bräuchte es mehr Unterstützung vom Staat.