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22.01.2015

„Juden fühlen sich im Stich gelassen“

Kommunikationwissenschaftler Maximilian Gottschlich über die neue Judenfeindlichkeit

Der zweite Anschlag von Paris galt französischen Juden und forderte vier Todesopfer in einem koscheren Supermarkt im Osten von Paris. „Dass im Jahr 2014 von den 500.000 Juden in Frankreich 5.000 das Land in Richtung Israel verlassen haben, ist schon Warnzeichen genug“, sagt der Wiener Kommunikationswissenschafter Maximilian Gottschlich im Gespräch mit dem „Sonntag“. In Europa sei im Hinblick auf Antisemitismus und Antijudaismus eine vollkommen neue Situation entstanden. „Mittlerweile hat sich der alte europäische Antisemitismus mit dem Antizionismus der radikalen Islamisten verknüpft“, erklärt Gottschlich. „Die Attentate von Paris sind für Europa ein Alarmsignal, das nicht nur sicherheitspolitische Antworten braucht. Die mittel- und langfristigen Antworten liegen darin, Immunisierungsversuche auf geistiger Ebene vorzunehmen. 70 Jahre nach dem Holocaust kann es einfach nicht sein, dass auf deutschen Straßen ,Hamas hamas Juden ins Gas‘ skandiert wird. Da ist etwas schiefgelaufen in der Entwicklung.“

Antisemitismus entgegenstellen

Die Programmatik von „Nostra Aetate“ sei noch lange nicht eingeholt und umgesetzt, betont Maximilian Gottschlich: „Da ist noch sehr viel Nachholbedarf seitens der Theologie gegeben, aber auch der Religionspädagogik und der Homiletik.“ Es müsse eine viel größere Bereitschaft geben, sich diesem Antijudaismus und Antisemitismus entgegenzustellen.  Juden fühlten sich von Christen im Stich gelassen, ein Schweigen der Kirche sei weithin erkennbar. „Das sollte nicht sein, denn Judentum und Christentum sind zwei Religionen, die in einer ganz engen familiären Beziehung zueinander stehen.“

Religion braucht Freiheit

Der Nahost-Konflikt habe sich globalisiert und werde heute auf er ganzen Welt geführt. „Daher ist die ganze Welt aufgerufen sich der eigenen freiheitlichen demokratischen Werte zu vergewissern, um diesen Kampf nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch ideologisch und auch auf der Ebene der Religionen aufzunehmen.“ Der Islam müsse beginnen, sich neu zu deuten. Es dürfe keinen Widerspruch geben zwischen Religion und fundamentalen Menschenrechten. „Wenn es so ist, dass der Islamismus der Missbrauch des Islams ist, dann ist der Islam in der Mitverantwortung. Da reicht die bloße Distanzierung nicht aus“, unterstreicht Gottschlich. „Religion, wenn sie nicht Sklavenreligion sein will, macht nur Sinn, wenn sie unter den Bedingungen von Freiheit existieren kann. Freiheit und Religion dürfen einander nicht ausschließen. Das ist das, was der Islam lernen muss und was er vielleicht auch von anderen Religionen lernen kann.“

Intervenieren, wo die Freiheit gefährdet ist

Ziel der Islamisten sei es, die europäische Gesellschaft zu destabilisieren und zu polarisieren. „Polarisierung schafft Hass und der Hass ist eine Quelle für neue Gewalt“, so Gottschlich. Die Islamisten würden aber das Gegenteil erreichen, hofft der Kommunikationswissenschaftler und „den Widerstand in den schon müde gwordenen europäischen Gesellschaften anfachen.“ Die Politik sei zunächst als Sicherheitspolitik, gefragt, müsse aber auch z. B. Medien fördern, die einen Beitrag zur Redemokratisierung leisten. Boulvardeske Medien, die keinerlei Anspruch haben, ein Bewusstsein für die Unverzichtbarkeit demokratischer Werte zu schaffen, seien hier ein Problem. Maximilian Gottschlich: „Das ist die Lehre, die aus dieser Tragödie zu ziehen ist: dass man die Freiheit nicht aufgibt und andererseits sensibilisiert wird, überall dort zu intervenieren, wo diese Freiheit auch im Kleinen gefährdet ist.“