Ein Theaterstück über einen Priester unter Missbrauchsverdacht und eine von seiner Schuld überzeugten Ordensfrau, ist nun in Wien zu sehen: Vorlage ist das Drama "Zweifel" ("Doubt") von US-Autor John Patrick Shanley aus dem Jahr 2004, das mit dem Pulitzer-Preis sowie dem Tony-Award ausgezeichnet wurde. Wien-Premiere war am 14. Jänner 2015 im "stadtTheater walfischgasse" als vorletzte Eigenproduktion der nach der Spielsaison 2014/15 geschlossenen Spielstätte, Regie führt Christine Wipplinger, Intendantin Anita Ammersfeld verkörpert die weibliche Hauptrolle, Alexander Rossi den verdächtigten Ordenspriester.
Die Handlung spielt in St. Nicholas, einer katholischen Klosterschule in der Bronx von New York. Der weltoffene Pater Brendan Flynn versucht im Sinne des politisch liberalen Wandels in den 1960er-Jahren die strengen Sitten zu lockern, für deren Einhaltung Sr. Lukas als Direktorin mit eiserner Hand sorgt. Als die Klosterschule ihren ersten schwarzen Schüler aufnimmt, berichtet die naive Schwester James ihrer autoritären Direktorin, dass P. Flynn dem Zwölfjährigen viel private Aufmerksamkeit schenkt und dieser verstört wirkt. Sr. Lukas konfrontiert den Pater - der offiziell ihr Vorgesetzter ist - mit ihrem Missbrauchsverdacht und sieht sich nach dessen Leugnen zum Handeln gezwungen - Machtspiele und Intrigen rund um zwei sehr unterschiedliche Charaktere sind die Folge.
"Zweifel" erzählt vom schmalen Grat zwischen Überzeugung und Ungewissheit. Das Publikum bekommt keine letztgültige Schlussfolgerung vorgesetzt und kann sich selbst niemals dem Zweifel entziehen, was richtig und was falsch ist. Zuletzt ist sich auch die weibliche Hauptfigur nicht sicher, ob ihre innere Gewissheit ins Schwarze traf. Doch da hat die kirchliche Strategie, die vor den Missbrauchsskandalen der letzten Jahre gang und gäbe war - nämlich Anstößiges unter den Teppich zu kehren und beteiligte Kleriker zu versetzen -, schon Platz gegriffen.
Die Wiener Inszenierung setzt auf ein schlichtes, puristisches Bühnenbild und das eindrückliche Spiel von nur vier Schauspielern. Intendantin Ammersfeld, die seit 2004 das "stadtTheater walfischgasse" in den letzten zehn Jahren seines Bestehens leitet, verglich das Shanley-Stück mit einem spannenden "Krimi". "Bis zum Schluss weiß man nicht, ob er schuldig ist oder nicht", sagte sie über P. Flynn. Ungebrochene Aktualität habe die Kernbotschaft des Stückes: "Wer meint, die einzig gültige Wahrheit zu besitzen, kann verheerende Folgen auslösen - in der Religion, in der Politik oder in der Gesellschaft."
Autor John Patrick Shanley, der übrigens bei der Hollywood-Adaptierung seines Stoffes - der deutsche Filmtitel lautete "Glaubensfrage" - Regie führte, hat biografische Wurzeln in der New Yorker Bronx. Er wurde in einer privaten katholischen Schule von den Mitgliedern der christlichen Orden Christian Brothers und Sisters of Charity unterrichtet.
Bis 26. Februar stehen die Aufführungen von "Zweifel" auf dem Programm des "stadtTheaters walfischgasse".
Information:
stadtheater walfischgasse:
Walfischgasse 4, 1010 Wien
Telefon: +43 1 512 42 00