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05.02.2015

Zum Welttag der Kranken 2015: Eine fast heilige Zeit

Über den Sinn der Krankenhausseelsorge.

Werde ich wieder gesund? Wird die Operation gut verlaufen? Was, wenn nicht? Warum muss ich so leiden? Wer schon einmal schwerer krank oder im Spital war, kennt solche Fragen.

 

Und die Angst, die sie begleitet, die Angst vor dem Ungewissen, die Angst, sich der Obhut fremder Menschen anzuvertrauen, vor Therapien, Medikamenten, Schläuchen und piepsenden Geräten, die Angst auch vor dem Tod, der näher gerückt zu sein scheint.

 

Es geht nicht nur um Dignose und Therapie

„Das Wichtigste und Kostbarste, das wir kranken Menschen geben können, ist Zeit“, meint Christoph Schmitz. Er war jahrelang Seelsorger im AKH Wien und im Landesklinikum Neunkirchen, seit fünf Jahren leitet er die Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge der Erzdiözese Wien. „Kranke Menschen wollen nicht nur Diagnosen hören und Therapien absolvieren, sondern wünschen sich auch Raum und Zeit zu erzählen, wie es ihnen geht, was die Krankheit für sie und ihr Leben bedeutet. Es muss neben dem Befund Zeit bleiben für das Befinden.“


Krankenhausseelsorger besuchen Patienten auf Wunsch und gehen von Tür zu Tür. „Ich weiß nie, wer oder was mich erwartet“, sagt Christoph Schmitz. Manche Menschen reagieren zunächst ablehnend. Der Theologe und Psychotherapeut erinnert sich an eine junge Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt war und im Rollstuhl saß. Auf sein Angebot meinte sie, das sei bei ihr sinnlos. Aber zum Raucherbereich könne er sie bringen. Von da an begleitete Schmitz die Frau oft zur Zigarettenpause, und dabei entstanden intensive und persönliche Gespräche. „Von wegen sinnlos“, meint der Seelsorger, „das hat zutiefst Sinn gemacht. Eine erste ablehnende Reaktion heißt nicht, dass jemand keinen Kontakt möchte.“

 

Glaube und Spiritualität

In Zeiten der Krankheit gewinnen Glaube und Spiritualität an Bedeutung, weiß Christoph Schmitz. Jeder kranke Mensch hat zunächst die Hoffnung, gesund zu werden. „Aber manchmal muss sich die Hoffnung verändern, zur Hoffnung auf eine noch gute Zeit, zur Hoffnung auf ein gutes Ende und ein Eingehen in die göttliche Wirklichkeit.“

 

Tief beeindruckt hat den Seelsorger eine krebskranke Frau, die er lange begleitete.  Vor ihrem Tod kam sie vom Krankenhaus nachhause. Bei Schmitz‘ letztem Besuch gab es nicht mehr viele Worte. „Der letzte Blick beim Abschied hat mich tief berührt. Da war so viel drin von versöhnt sein mit dem eigenen Leben, Freude, noch einmal nachhause zu kommen, aber auch ein Blick in eine gelassene Weite hinein, fast in etwas Ewiges“, beschreibt Christoph Schmitz, „es war spürbar, was möglich wird, wenn sich Menschen der Situation stellen und auch, was eine spirituelle Begleitung an Entwicklung, Vertiefung und innerer Weitung möglich macht.“

 

Riten helfen

Noch in der allerletzten Zeit kann Entscheidendes passieren. Schmitz erzählt von einem todkranken Mann, der trotz aller Medikamente von Schmerzen gezeichnet war. Die Station hatte den Seelsorger gerufen, weil alle rätselten, warum der Mann nicht sterben konnte. Christoph Schmitz fand heraus, dass es einen Bruch mit der Tochter gegeben haben musste. Es gelang, die Tochter in Südamerika ans Telefon zu bekommen. „Der Mann konnte nicht mehr viel sagen, aber offensichtlich hat allein das Hören der Stimme oder ihrer Worte ihn gelöst.“ In der nächsten Stunde ist der Mann verstorben. „Wir wissen nie, was in einem Menschen vorgeht, und was noch möglich ist“, erklärt der Krankenhausseelsorger, „wenn wir das in aktiver Weise, durch Sterbehilfe, vorzeitig beenden, kann es sein, das wir etwas verhindern, das noch wichtig wäre, nicht nur für die sterbende Person, sondern auch für andere.“


So manches ermöglichen auch Riten. „Ich wurde zu einem Sterbenden gerufen, dessen Angehörige wie versteinert waren“, schildert Christoph Schmitz eine beispielhafte Situation, „im Gespräch habe ich trotz mehrerer Versuche keinen Zugang gefunden. Während des Sterbesegens ist dann einer nach dem anderen innerlich aufgebrochen, Tränen konnten fließen.“ Dass Menschen ihre Trauer über den drohenden Verlust zeigen und ausdrücken können, befindet der Krankenhausseelsorger als enorm wichtig. Er ist überzeugt davon, dass ein Ritus möglich machen kann, was im Gespräch nicht gelingt: „Riten und Sakramente sprechen eine andere Ebene an, sie eröffnen den spirituellen Raum und machen erfahrbar, dass es immer mehr gibt als das, was ich sehe, gerade begreife, eine Wirklichkeit, wo ich Halt finden, die mir Hoffnung schenken kann.“


Seine Tätigkeit als Krankenhausseelsorger hat Christoph Schmitz geprägt. Er führt ein bewusstes Leben, versucht, die Zeit gut zu nutzen, für Beziehungen, seine Familie. Auch seinen spirituellen Weg haben die Erfahrungen in der Seelsorge entscheidend beeinflusst, wenn nicht sogar erst ermöglicht, sagt Schmitz: „Es ist das Bedürfnis, nicht beim Vordergründigen, Oberflächlichen stehen zu bleiben, sondern dem Leben auf den Grund oder zum Grund allen Lebens – wir sagen Gott – zu kommen und da eine Ahnung zu bekommen, was das bedeutet, welcher Frieden, welche Freude und welches tiefe Glück darin liegt.“