Ein außergewöhnlicher "Raum der Stille" ist vor kurzem in Aspern-Seestadt seiner Funktion übergeben worden: Im Wohnheim der Gruppe "B.R.O.T.", einem bereits fertig gestellten Bauprojekt des Wiener Stadterweiterungsgebietes, wurde ein weiterer neuer Ort für Stille, Meditation und Gebet errichtet. Zuletzt war auch in der Kapelle des neuen Wiener Hauptbahnhofs ein multikonfessioneller Gebetsraum in Betrieb gegangen. In der nördlich der Donau gelegenen Seestadt entstehen bis Ende 2016 Wohnungen für 6.100 Menschen.
Nachdem im Dezember 2014 die ersten Bewohner in das "B.R.O.T"-Wohnheim beim Hannah-Arendt-Platz eingezogen sind, sind mittlerweile alle 41 Wohnungen vergeben, teilte der Verein mit, dessen Name die Grundlage für das Zusammenleben der Mitglieder - Beten, Reden, Offensein und Teilen - beinhaltet. Mit diesem Konzept soll der Vereinsamung der Menschen und der Isolierung der Familien entgegengewirkt werden. Rund 27 Prozent der Wohnheim-Fläche bei dem Projekt in der Seestadt werden deshalb gemeinschaftlich genutzt, darunter auch der Gebetsraum.
Das Projekt sieht sich laut der Vereinshomepage als "interreligiös und interkulturell". Beten wird nicht im ausschließlich traditionell christlichen Sinn, sondern als "spirituelle Zuwendung, Hingabe, Rückverbindung und Einswerden mit einer, das persönliche Ich überschreitenden Wirklichkeit" verstanden. Das Angebot der gemeinsamen spirituellen Praxis im Gebetsraum gelte für Mitglieder aller Religionen und Weltanschauungen.
Vision der Vereinsmitglieder, die bereits seit 2010 gemeinschaftlich das Seestadt-Haus geplant haben, ist das Teilen von Glück und Leid im Alltag. Als Vorbedingung dafür werden die Werte Geduld, Vertrauen, Individualität, Offenheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Toleranz und Solidarität betont, sowie auch die gute Nachbarschaft bei gleichzeitiger Wahrung notwendiger Privatsphäre. Externe Mediatoren begleiten den Gruppenbildungsprozess, um Missverständnisse zu vermeiden und die Bildung einer Gemeinschaft zu fördern. Teilen werde dabei nicht eingefordert, sondern sei "logische und gelebte Folgerung" der Grundsätze des Vereins.
Die B.R.O.T.-Idee wurde bereits in den 1980er-Jahren in der Wiener Pfarre Hernals-Kalvarienbergkirche geboren, wo das erste Haus des Vereins entstand. Mit einem weiteren Haus in Kalksburg (Wien-Liesing), das 2006 in Zusammenarbeit mit der Caritas eröffnet wurde, sollte besonders das Zusammenleben verschiedener Generationen gefördert werden. Nach dem Projekt in der Seestadt ist derzeit ein weiteres Projekt in Pressbaum bei Wien in Planung.