Wie kam es zur Erklärung „Nostra aetate"
Siebenrock: Nach der Begegnung mit dem französischen Historiker J. Isaak bat Papst Johannes XXIII. Kardinal Bea um einen Text, der das Verhältnis zum Judentum neu bestimmen sollte.
Darauf haben innerhalb der christlichen Kirchen viele Gruppierungen hingearbeitet; vor allem Prälat Österreicher, ein in Lemberg geborener Jude, der in die katholische Kirche konvertierte und 1938 noch aus Österreich den Nazis entkommen konnte.
Es entwickelte sich eine höchst dramatische Geschichte, die dadurch zu einem glücklichen Ende führte, weil im Oktober 1964 der Text auf alle Religionen (in aller Kürze!) erweitert wurde und die unterschiedlichen Erfahrungen und Bedenken, die sich in der Weltkirche zeigten, in den Text integriert werden konnten.
Was sagt die Erklärung „Nostra aetate“ aus – und was nicht?
Siebenrock: Die Erklärung, deren erster Adressat die eigenen Kirchenmitglieder sind, spricht über „die Haltung der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen“.
Das ist die Antwort auf die Frage: Wie sollen wir Christinnen und Christen aus der Mitte des Evangeliums des Gottes der Liebe und treu dem Gebot Jesu von der Liebe, auch dem Feind gegenüber, Menschen anderen Glaubens begegnen?
Die Erklärung ist überzeugt, dass Gott immer schon einen Dialog des Heils mit allen Menschen führt, dass die Kirche diesem Dialog dient und dass sie in der Begegnung mit Menschen anderen Glaubens immer tiefer in das Geheimnis Christi eingeführt wird.
Daher anerkennt die Kirche, was wahr und heilig ist in allen Traditionen und menschlichen Glaubenszeugnissen, sie bezeugt aber gerade in dieser Begegnung die Universalität des einen Herrn Jesus Christus, in dessen liebender Hingabe das endgültige Heilszeichen Gottes dieser Welt geschenkt worden ist.
Ist nicht gerade die Neubestimmung der Beziehung der Kirche zum Judentum das Entscheidende von „Nostra aetate“?
Siebenrock: Auch wenn ausdrücklich der Hinduismus, Buddhismus und die glaubenden, betenden Muslime in der Erklärung genannt werden, bleibt das Herzstück der Erklärung Artikel 4: die Neubestimmung des Verhältnisses zum Judentum.
Mit diesem Artikel beendet die Kirche die theologische Begründung des Antisemitismus und erklärt sich bereit, ihre Verkündigung in allen Bereichen von dieser Last zu befreien.
Die Erklärung ist aufgrund der Vorgabe der Konzilsleitung grundsätzlich auf das Gemeinsame hin ausgerichtet und hat daher auch die Gefährdungen und Grenzen des Dialogs nicht primär ausgedrückt, auch wenn in den Debatten solche Erfahrungen mitschwingen.
Ist diese (positive) Zumutung des Konzils bei den Gläubigen angekommen?
Siebenrock: In großen Teilen ja. Nostra aetate ist vor allem im Blick auf die neue Theologie Israels, die von den nachfolgenden Päpsten, vor allem von Johannes Paul II. vertieft worden ist, eine Erfolgsgeschichte.
Auch die Entwicklung, die in den „Friedensgebeten von Assisi“ ihren symbolischen Ausdruck erhält, darf grundsätzlich als große Wirkung bezeichnet werden.
Heute sind aber auch die Schwierigkeiten und politischen Verwicklungen nicht zu vergessen. Gerade angesichts der Tatsache, dass weltweit Christinnen und Christen die am stärksten verfolgte Gruppe in der Welt sind, halte ich das unmissverständliche Bekenntnis von Papst Benedikt XVI. am 27. Oktober 2011 in Assisi zum Dialog mit allen Glaubenden und mit den Unglaubenden und Agnostikern für höchst bedeutsam.