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21.10.2015

Ein Dialog „auf Augenhöhe“

Interview mit Univ.-Prof. i. R. Martin Jäggle über die Beziehung von Christentum und Judentum.

 

Worin liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung der Konzilsaussagen, des kleinen Textes des Artikels 4 der Erklärung „Nostra aetate“ über das Judentum?


Jäggle: Der Aufbruch der Kirche zum Judentum ist ein Geschenk, das wir dem Konzil verdanken. Nostra aetate war der Anfang einer Bekehrung. Die katholische Kirche hat hier begonnen, ihre jahrhundertelange antijüdische Verirrung und Verfehlung zu erkennen, zu bereuen und zu benennen. Im kirchlichen Schuldbekenntnis des Jahres 2000 wurde dies vertieft.

 

Vieles ist erst später zur Entfaltung gekommen, was in Nostra aetate grundgelegt war. Der Antisemitismus wird im Konzilsdokument zwar beklagt, aber nicht wie heute verurteilt.

 

Nostra aetate schuf auch die Voraussetzung für einen Dialog zwischen Vertretern des Judentums und der katholischen Kirche „auf Augenhöhe“, wie Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg betont.

Israel und der Heilige Stuhl haben seit 1994 volle diplomatische Beziehungen, damals anerkannte Johannes Paul II. den Staat Israel im Heiligen Land ohne Wenn und Aber.

 

Sind Päpste wie Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. und Franziskus beispielhaft für das Verhältnis zwischen Christen und Juden?


Jäggle: Seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts haben alle Päpste – teils prophetisch – zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden beigetragen.

 

Papst Johannes Paul II. ragt heraus durch seinen Besuch der Synagoge in Rom oder das von ihm formulierte Schuldbekenntnis.

 

Papst Franziskus schließt an, wenn er sofort nach seiner Wahl – so wie Papst Benedikt XVI. – die jüdische Gemeinde in Rom begrüßt. Oder wenn er erinnert, „dass die Juden durch die furchtbaren Prüfungen dieser Jahrhunderte hindurch ihren Glauben an Gott bewahrt haben“. Wir werden „ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit, nie genug danken können.“

Ist die christlich-jüdische Begegnung mehr als nur eine Sache der „Fachleute“, ohne die Basis zu erreichen?

 

Jäggle: Das Interesse der „Basis“ steigt jedenfalls. Der Koordinierungsausschuss erarbeitet anlässlich seines 60-Jahr-Jubiläums ein Programm, um junge Menschen einzubeziehen. Der Dialog des Alltags ist heute erschwert infolge der Vertreibung und Ermordung von Jüdinnen und Juden in der Schoa.

 

Etliche Pfarren haben in Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte einen je eigenen, zukunftsorientierten Weg gefunden. Die Gemeinde der Ruprechtskirche ist, am Schnittpunkt des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers und des Stadttempel liegend, ein Gedenkort des Novemberpogroms.

„Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ‚Äußerliches‘, sondern gehört in gewisser Weise zum ‚Inneren‘ unserer Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder, und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“, betonte schon Johannes Paul II.

 

Wie kann das Judentum als Teil der christlichen Identität wertgeschätzt werden, und wie kann es gleichzeitig in seiner Andersheit wahrgenommen werden?

 

Jäggle: Kardinal Schönborn hält fest: „Wer Christ sein will, muss sich der jüdischen Wurzeln seines Glaubens bewusst sein, muss sie lieben und hoch schätzen.“ Zugleich braucht es Kenntnis, Verständnis und Hochachtung für jüdisches Leben heute.

 

Welche Erwartungen, welche Hoffnungen setzen Sie für die Zukunft in die christlich-jüdischen Beziehungen?


Jäggle: Den Kirchen und ihren Mitgliedern wird immer mehr bewusst, wie wichtig ihre Solidarität mit den jüdischen Gemeinden ist. Sie suchen das Gespräch, fördern Freundschaften, studieren den Reichtum jüdischer Überlieferung und beseitigen alle Spuren der Verachtung gegenüber Juden.

 

Die beiden Testamente der christlichen Bibel werden als einander ergänzend dargestellt und nicht als unterlegen oder überlegen.