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Schawuot

9. JUNI

6. SIVAN 5779

Alles Gute zur Hochzeit! Welche Hochzeit?

 

Zwischen dem Volk Israel und G’tt natürlich! Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um eine Hochzeit im wörtlichen Sinn. Und auch im übertragenen Sinn liegt diese „Hochzeit“ schon mehr als 3300 Jahre zurück. Schawuot (in Wien sagt man meist Jiddisch „Schwiess“) bedeutet wörtlich übersetzt „Wochen“. Der Feiertag heißt so, da er die sieben Wochen andauernde Periode des Omer-Zählens beendet. Während dieser Zeit zählt man die 49 Tage zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Erhalt der Thora am Berg Sinai. Die Thora, das heilige Buch, bildet unbestreitbar den Kern des Judentums. So handelt es sich bei Shawuot um eine Erinnerung an den Schlüsselmoment des Judentums schlechthin. Schawuot bedeutet auch „Gelübde“. Dieses Gelübde ist jenes zwischen dem Volk Israel und G’tt, immerwährende Hingabe im Gegenzug für anhaltende Treue.

Zu Schawuot begibt man sich in die Synagoge, vor allem um die Lesung der zehn Gebote zu hören, welche Moses am Berg Sinai erhielt. Die Torah erschöpft sich freilich nicht in zehn Geboten, sondern enthält insgesamt 613 Mitzwot (Gebote). Anlässlich der Erinnerung an den Erhalt der Thora ist es üblich bis zum Morgengrauen zu lernen. Auch wenn man wirklich hervorragend schnell zu lesen weiß, kann eine gesamte Lesung der Thora in einer Nacht kaum gelingen. Das ist auch nicht angedacht – dafür hat man ein ganzes Jahr Zeit.

Als in Jerusalem noch der „Beit HaMikdasch“ (der heilige Tempel) stand, brachte die Bevölkerung zu Schawuot Gaben ihrer ersten Lese dar. Es handelt sich daher auch um eines der jüdischen Erntedankfeste. Üblich ist zu diesem Feiertag das Haus und Synagogen mit Blumen zu schmücken, und vor allem Milchprodukte zu essen.

Eine Frage die sich zu Schawuot regelmäßig aufdrängt ist: Warum gerade wir? Was hat das jüdische Volk getan um die Thora zu verdienen? Dazu gibt es unzählige Ansichten, hier sei nur eine wiedergegeben. Manche meinen, das jüdische Volk sei außerwählt worden, nicht, weil es besonders hervorragend war, sondern im Gegenteil, weil es das Bedauernswerteste unter den Völkern sei. Kein anderes Volk habe die Thora akzeptieren wollen, und auch das jüdische nahm sie nur an, nachdem G’tt den Berg Sinai „über ihren Köpfen“ hielt. Wenn jemand heute zum Judentum übertreten möchte, wird zuerst davon abgeraten. Schließlich gibt es unzählige Gebote an die man sich halten muss, und dass die Angehörigen des Glaubens bei vielen nicht gerade beliebt sind, ist eine anhaltende Realität. JüdIn zu sein ist daher nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Last, und so ist jedem geraten sich zweimal zu überlegen ob man wirklich etliche Freiheiten aufgeben, und die Pflichten des Judentums annehmen möchte. Unter diesem Gesichtspunkt, kann man auf eine differenzierte Weise verstehen was es bedeutet „außerwählt“ zu sein. Einerseits, wird einem mit der Thora, das wertvollste denkbare Geschenk und ein Bund mit G’tt zuteil. Andererseits wird einem eine lange Liste von Pflichten und ein hohes Maß an Anfeindung aufgebürdet. So gesehen, könnte man meinen, dass „außerwählt“ keineswegs bedeutet „etwas Besseres“, sondern im Gegenteil, mit großer Verantwortung belastet zu sein.

 

Fact: Fast hätte das Volk Israel die Übergabe der Thora wortwörtlich verschlafen. G’tt musste am Berg Sinai warten, da unsere Vorfahren keinen iPhone-Wecker hatten um zu gewährleisten, dass sie pünktlich zu diesem wichtigen Termin erscheinen. Auch um dies wiedergutzumachen, wird durch die Nacht hindurch gelernt. Oft mit der Unterstützung von Unmengen an Kaffee, einem Brauch der sich zuerst unter JüdInnen im Osmanischen Reich etabliert hat. Besucht man heutzutage Jerusalem zu Shawuot, kann man erblicken wie sich zehntausende Jüdinnen und Juden nach einer durchlernten Nacht zur Klagemauer begeben, um im Morgengrauen dort zu beten wo heute die letzten Steine des heiligen Tempels stehen.

JöH, MM