Logo3.png

Simchat Torah

22. OKTOBER

23. TISCHREI 5780
 

In der Sowjetunion wurde bekanntlich Religiosität unterdrückt. Einmal im Jahr waren aber in den Straßen von Moskau mit Torah-Rollen tanzende Jüdinnen und Juden zu sehen. Warum nur?

 

Simchat Torah ist gewissermaßen der letzte Tag von Sukkot, aber auch ein eigener Feiertag. In Israel wird der Feiertag gemeinsam mit Schmini Atzeret, in der Diaspora an zwei getrennten Tagen begangen.

Schmini Atzeret (wörtlich „der achte Atzeret“), nach dem siebten Tag von Sukkot begangen, fällt mit der Einweihung des ersten Beit HaMikdasch (der heilige Tempel, siehe Tish’A B’Av), der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, und Wiedererbauung des Beit HaMikdasch Dank des persischen Königs Kyros zusammen. Zu Schmini Atzeret befolgt man ähnliche Gebote und Bräuche wie an den sieben vorherigen Tagen von Sukkot, mit gewissen Modifikationen, etwa das Sprechen des „Jiskor“, eines Gebets für die von uns Gegangenen.  

„Simchat Torah“ bedeutet wörtlich übersetzt „Feiertag der Torah. Wie der Name verspricht, wird anlässlich des Abschlusses des jährlichen Zyklus der Torah-Lesung und dessen Neubeginn, gefeiert. Dabei wird im Zuge der sogenannten „Hakafot“ eine Art fröhliche Prozession vollzogen. Die Torah-Rollen, welche in der Synagoge sonst immer im „Aron HaKoidesch“ (wörtlich „heiliger Schrank“) aufbewahrt, und nur einzeln zur Lesung auf der „Bimah“ (Bühne) herausgenommen werden, kommen zu Simchat Torah alle zugleich an die frische Luft. Dabei wird gesungen und getanzt, Kinder werden mit Süßigkeiten beschenkt, und manche drücken dem Mantel einer Torah-Rolle einen Kuss auf. Zudem wird an diesem Feiertag allen erwachsenen Herren die Ehre zuteil aus der Torah lesen zu dürfen, ein Privileg welches sonst bei Lesungen der Torah nur einzelnen der anwesenden Personen vorbehalten ist. Zuletzt werden alle teilnehmenden Kinder gemeinsam zur Torah aufgerufen, mit Sicherheit der tatsächliche Grund (im Gegensatz zu den Süßigkeiten) für deren Begeisterung hinsichtlich dieses Feiertags.

In vielen Gemeinden ist es auch üblich, im Zuge der Hakafot nicht nur sieben Mal die Bimah zu umrunden, sondern auch auf die Straße hinauszugehen. Dabei wird die Freude über die Torah bei Gesang und Tanz in den Gassen vor Synagogen zelebriert, ein fröhlicher Anblick der auch in Wien gelegentlich zu sehen ist. Die eingangs erwähnten sowjetischen Jüdinnen und Juden nahmen freilich mit der öffentlichen Zurschaustellung ihres Glaubens eine gewisse Gefahr in Kauf, um das religiöse Gebot des Feierns zu Simchat Torah zu befolgen.

 

Fact: Elie Wiesel, Gewinner des Nobelpreises für Literatur und Überlebender der Shoah schrieb einst, er habe sich immer darüber gewundert, dass eine rabbinische Autorität, der Gaon von Vilna, einst die Freude an diesem Feiertag als das schwierigste der Gebote bezeichnet hatte. Als er jedoch im Konzentrationslager sah, wie unter unsäglichem Leid, Insassen am Ende eines langen Leidensweges, mit schweren Steinen beladen das Gebot dennoch befolgten, begriff er was der große Gelehrte einst gemeint hatte. 

JöH, MM