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Tish’a B’Av

20. JUNI

10. AV 5779

Der Trauertag Tish’a B’Av heißt wörtlich „neunter Av“. Logischerweise begeht man ihn auch am neunten Tag des Monats Av. Richtig? Falsch!

 

Der Anlass wird heuer seinem Namen nicht gerecht, denn er fällt auf den 10. und nicht den 9. Av. Schabbat lässt sich nämlich nicht mit diesem Tag des Trauerns und des Fastens kombinieren, und so wird in diesem Jahr der 9. Av am 10. begangen.

Die heilige Stadt Jerusalem wird in der Torah 669 Mal erwähnt. Kaum ein Volk hat eine so innige Beziehung mit einem geografischen Ort, wie das jüdische mit der Stadt Jerusalem. JüdInnen wenden sich zu jedem Gebet in ihre Richtung und erwähnen sie auch permanent im Gebet. Die Essenz der Bedeutung Jerusalems ist im Standort des „Beit HaMikdasch“, des heiligen Tempels, verkörpert. Wenn der wichtigste Ort für JüdInnen Israel ist, dann ist dies vor allem der Fall, weil dort Jerusalem liegt, und Jerusalem ist wiederum so bedeutend, weil dort der Beit Hamikdasch stand. Zu jüdischen Hochzeiten wird der Schwur „Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine rechte Hand“ geleistet, und die Trauung mit dem bekannten Zertreten eines Glases beendet. Obwohl darauf ein lauter, froher Ruf „Mazel Tov“ („alles Gute“, wörtlich „viel Glück“) folgt, ist das Zertreten des Glases ein Symbol der Trauer. Es soll an die Zerstörung des Tempels erinnern. Die zweimalige Zerstörung des heiligen Tempels, zuerst des salomonischen und dann des wiedererbauten, herodianischen, ist das singulär tragischste Ereignis in der Geschichte des jüdischen Glaubens.

Aus religiöser Sicht ist es kein Zufall, dass sich diese beiden Ereignisse am selben Kalendertag ereigneten, obwohl sie 493 Jahre auseinanderliegen. Es war der 9. Av im Jahre 423 vor unserer Zeitrechnung, als der babylonische König Nebukadnezar den ersten Beit HaMikdasch niederbrannte, und das Volk Israel nach Babylon exilierte. Und es war der 9. Av als im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung der römische Feldherr Titus den zweiten Beit HaMikdasch zerstörte.  Der 9. Av hat sich in der Geschichte des Judentums immer wieder als ein schicksalhafter Tag erwiesen, vom Jahre 1313 vor unserer Zeitrechnung, als die Israeliten dazu verdammt wurden 40 Jahre durch die Wüste zu wandern, weil sie an der Betretung des Landes zweifelten, über das Jahr 133 unserer Zeitrechnung, als die Bar-Kochba-Revolte gegen die Römische Besatzung niedergeschlagen wurde, bis zur Verbannung aller Juden aus Spanien 1389 Jahre darauf.

Zu Tisch’A B’Av wird nicht nur gefastet, die tiefgreifende Trauer findet auch darin Ausdruck, dass man nur die Passagen die von der Zerstörung des Tempels handeln aus der Torah lesen, nur auf niedrigen Stühlen sitzen, und seine Mitmenschen nicht grüßen darf. Es ist ein Tag an dem man in sich gehen soll, um sich zu vergegenwärtigen welche Verfehlungen zu dieser unerträglichen Strafe führten.

Liest man sich die Thora durch, dann erkennt man, dass ein signifikanter Teil der Gebote nur erfüllt werden kann, wenn es einen Beit HaMikdasch gibt. Die Zerstörung war eine Strafe für den Abfall vom Glauben, und die Zwietracht welche das jüdische Volk erfasst hatte. Da es sich beim Standort des Beit HaMikdasch um den heiligsten Ort der Welt handelt, ist heute nach überwiegender Ansicht ein Betreten des Plateaus am Tempelberg JüdInnen verboten, und erst mit einem dritten Tempel zu rechnen, wenn sich das Volk Israel bessert, und mit der Ankunft des Messias ein fertiggebauter Beit HaMikdasch buchstäblich vom Himmel fällt.

 

Fact: Im Kunsthistorischen Museum Wien ist eine eindrucksvolle Abbildung der Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus von Nicolas Poussin zu sehen. Darauf ist auch die Menorah, der rituelle Leuchter des Tempels zu erkennen, welcher gemeinsam mit anderem Raubgut im Rahmen eines Siegeszugs durch Rom paradiert wurde. Abbildungen der Menorah finden sich bis heute auf dem Titusbogen des Forum Romanum.

JöH, MM